Ein Tag, ein Campus, vier Bühnen: Mein Rückblick auf den E-Commerce Best Practice Day 2026
Am 10. September ging es für mich nach Brugg-Windisch an die FHNW – zum E-Commerce Best Practice Day 2026, einer der größten Praxiskonferenzen für Schweizer Onlinehandel, in diesem Jahr wieder eng verzahnt mit der wissenschaftlichen ISPC 2026. 37 Vorträge, vier parallele Tracks, ein ganzer Campussaal voller Menschen, die alle irgendwie mit demselben beschäftigt sind: Wie verändert sich der digitale Handel gerade – und was heißt das für uns alle?
Der Elefant im Raum: Agentic Commerce
Schon zur Eröffnung war klar, welches Thema den Tag prägen würde. Die FHNW hat parallel zur Konferenz ihre Onlinehändlerbefragung 2026 veröffentlicht, und die Zahlen sind eindeutig: Jeder zehnte Schweizer Onlinehändler bezeichnet Shopping durch KI-Agenten bereits heute als umsatzrelevanten Kanal. Ein Drittel der Befragten rechnet damit, dass KI-Agenten künftig Kaufentscheidungen im Namen von Konsument:innen treffen. Gleichzeitig geben 81 % der Unternehmen an, durch KI-Einsatz Zeit zu sparen, 78 % berichten von Produktivitätsgewinnen – aber rund drei Viertel haben noch immer keine echte KI- oder Agentic-Commerce-Strategie.
Diese Lücke zwischen „wir spüren den Wandel schon“ und „wir haben noch keinen Plan dafür“ zog sich durch fast jeden Talk, den ich gehört habe.

Praxis pur: Von Brack bis QoQa
Der Haupttrack, moderiert von Prof. Dr. Darius Zumstein, war gespickt mit Namen, die man aus dem Schweizer Onlinehandel kennt. Besonders hängengeblieben ist mir Fabian Büchlers Vortrag für Brack.Alltron: Letztes Jahr ging es dort noch um das Rebranding samt neuer AI-Kampagne, dieses Jahr um den nächsten Schritt – wie man den Look & Feel einer echt geshooteten Kampagne mit KI konsistent durch den gesamten Onlineshop skaliert. Ein schönes Beispiel dafür, dass KI im E-Commerce längst nicht mehr nur Buzzword, sondern operative Realität ist.
Auch Ubaldo Piccone von QoQa brachte eine Perspektive, die mir im Kopf geblieben ist: Automatisierung dort, wo Präzision und Geschwindigkeit zählen – der Mensch dort, wo es um echten Kundenkontakt geht. Seine Key Message zu „Community-Werte in einer AI-Era“ war im Grunde eine Mahnung: Je mehr wir automatisieren, desto bewusster müssen wir entscheiden, wo der Mensch bleibt.
Ein Highlight der anderen Art lieferte Martin Stucki von LOEB, der gemeinsam mit Swisscom „EMILIA“ vorstellte – einen hologrammbasierten Shopping-Assistenten im stationären Handel. Sein Fazit war angenehm ehrlich: Hologramm-Assistenten haben eine Zukunft, wenn man sie richtig einsetzt – aber die Use Cases müssen von Anfang an klar definiert sein. Kein Hype um der Technologie willen.
Der wissenschaftliche Blick: Zwischen Bildung und Bots
Im Scientific Track (ISPC 2026), moderiert von Adele Dörner, ging es akademischer zu – aber keineswegs trockener. Prof. Dr. Mario Fischer (THWS Würzburg) hat mit seinem Vortrag über das „Ende des Webs, wie wir es kennen“ den Saal zum Lachen gebracht und gleichzeitig zum Nachdenken – eine seltene Kombination, wenn es um so ein großes, eigentlich unbequemes Thema geht.
Prof. Richard Geibel (IU) sprach über KI-gestützte Lernbegleiter in der Hochschulbildung und zog dabei eine Analogie, die im Publikum sofort saß: den Weg von der fragmentierten Customer Journey zum einzelnen Kaufmoment – genau das, was wir aus Social Commerce auf TikTok Shop oder Instagram kennen –, übertragen auf die Lernreise von Studierenden. Bildung und E-Commerce liegen inhaltlich vielleicht weiter auseinander, als man denkt, aber strukturell lösen beide Bereiche gerade ein sehr ähnliches Problem: Wie schafft man in einem fragmentierten, individualisierten System den einen entscheidenden Moment, in dem jemand weiterkommt statt aufzugeben?
Ich selbst durfte am Nachmittag im gleichen Track unsere ersten Erkenntnisse aus dem CIP-Projekt vorstellen – dazu vielleicht in einem separaten Beitrag mehr.
Mein Fazit zum E-Commerce Best Practice Day 2026
Was diesen Tag für mich besonders gemacht hat, war weniger die einzelne KI-Anwendung, sondern das Muster, das sich durch fast alle Vorträge zog: Ob Brack, QoQa, LOEB oder die Forschungsvorträge im Scientific Track – überall ging es am Ende um dieselbe Frage. Nicht „können wir das technisch bauen?“, sondern „wo genau soll die Automatisierung ansetzen, und wo bleibt bewusst der Mensch?“
Und mit Blick auf die 75 % der Unternehmen ohne Agentic-Commerce-Strategie: Genau diese Frage werden sich in den nächsten zwölf Monaten wohl deutlich mehr Schweizer Onlinehändler stellen müssen, ob sie wollen oder nicht.
Der E-Commerce Best Practice Day 2026 fand am 10. September an der FHNW in Brugg-Windisch statt, organisiert von Prof. Dr. Darius Zumstein, Adele Dörner, Anouk Hodel und Aldo Gnocchi.