CIP Updates

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Diese Seite dokumentiert den Fortschritt des Projekts ZiBeKo – zielgruppenspezifische Bedarfserhebung und Kommunikation, das im Rahmen von Community Innovative Care (CIP) innerhalb des DATIpilot-Programms des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) durchgeführt wird. Alle Aktualisierungen sind in umgekehrt chronologischer Reihenfolge aufgeführt – die neuesten Nachrichten stehen stets oben.


28.06.2026

ZiBeKo: Feldphase abgeschlossen – Erste Ergebnisse aus neun Interviews

Lesezeit: ca. 7 Minuten | Juni 2026

Die qualitative Erhebungsphase des ZiBeKo-Teilprojekts ist abgeschlossen. In den vergangenen Wochen haben wir insgesamt neun Experteninterviews mit Akteuren aus der ambulanten und stationären Langzeitpflege sowie mit einem Verbandsvertreter auf Bundesebene geführt. Parallel dazu wurde eine umfangreiche Sekundäranalyse zur Rolle der Krankenkassen und der Sozialen Pflegeversicherung (SPV) erarbeitet. Dieser Beitrag gibt einen ersten Einblick in unsere zentralen Befunde – vollständig anonymisiert, da wir uns gegenüber allen Gesprächspartnerinnen und -partnern zur Vertraulichkeit verpflichtet haben.

Wer hat mit uns gesprochen?

Unser Sample umfasst fünf ambulante und vier stationäre Einrichtungen sowie eine Verbandsperspektive auf Bundesebene. Die ambulante Seite reicht von kleinen ländlichen Pflegediensten mit wenigen Dutzend Klientinnen und Klienten bis hin zu einem überregionalen Verbundträger mit mehr als 25 Standorten und einem Modell des ambulantisierten Wohnens. Die stationäre Seite umfasst Einrichtungen unterschiedlicher Größe und Trägerschaft – darunter konfessionelle Verbünde, diakkonische Einrichtungen und freigemeinnützige Organisationen – mit Kapazitäten zwischen 86 und rund 500 Pflegeplätzen.

Auf der Leitungsebene haben wir sowohl mit Pflegedienstleitungen als auch mit Einrichtungsleitungen und einer Heimleitung gesprochen. Diese Breite war methodisch bewusst gewählt: Wir wollten nicht nur die operative Pflegeperspektive erfassen, sondern auch die strategische Steuerungsebene, die über Investitionen und Technologieeinführungen entscheidet.

Was uns die Feldphase gelehrt hat: Vier übergreifende Befunde

1. Der Engpass liegt nicht in der Technologie – sondern in der Implementierung

Das konsistenteste Ergebnis über alle neun Interviews hinweg: Die technologischen Lösungen für die drängendsten Alltagsprobleme der Pflege existieren bereits. Sprachgestützte Dokumentation, KI-gestützte Pflegeplanung, Tourenoptimierung, digitale Arzt-Kommunikation – all das ist heute technisch verfügbar. Was fehlt, ist nicht die Lösung. Was fehlt, ist die strukturierte Begleitung beim Ankommen dieser Lösungen in der Praxis.

Eine ambulante Pflegedienstleitung brachte diesen Befund auf den Punkt: „Der Engpass ist nicht, was geht. Der Engpass ist, dass noch nicht genügend Lösungen in der Praxis ankommen.“

Dieses Muster deckt sich mit dem, was Rogers‘ Diffusionstheorie als Implementation Gap beschreibt: Die meisten Einrichtungen befinden sich auf der Stufe des Wissens oder der Überzeugung – der Schritt zur tatsächlichen Einführung scheitert aber an Zeit, Geld, fehlender IT-Kompetenz und mangelnder Schulungsbegleitung.

2. Stationär und ambulant – gleiche Treiber, unterschiedliche Logiken

Fachkräftemangel, Dokumentationslast und Finanzierungsdruck kennen beide Settings. Aber die Systeme folgen fundamental verschiedenen Logiken – und das hat direkte Konsequenzen für den Digitalisierungsbedarf.

In der ambulanten Pflege wird pro Leistungspaket nach Minutenvorgaben abgerechnet. Zeitgewinn durch Digitalisierung ist damit unmittelbar messbar und betriebswirtschaftlich relevant. Der Dokumentationsanteil liegt bei examinierten Fachkräften bei rund 20 Prozent der Arbeitszeit – nicht trivial, aber beherrschbar.

In der stationären Pflege gilt Pauschalabrechnung. Hier verbringen Pflegefachkräfte nach unseren Gesprächen 70 bis 80 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation – statt mit den Menschen, für die sie ausgebildet wurden. Eine Einrichtungsleitung brachte das auf den Punkt: „Die Pflegefachkräfte haben fast nur noch diesen Dokumentationsaufwand. Sie sind ja nur kurz am Bewohner.“ Ihr Gegenüber ergänzte trocken: „Das ist ein bisschen umgekehrt, oder?“

Für CIP bedeutet das: ambulante und stationäre Einrichtungen brauchen ähnliche Werkzeuge, aber unterschiedliche Argumentation.

3. Akzeptanz scheitert an Begleitung – nicht an Ablehnung

Keine unserer Gesprächspartnerinnen oder -partner hat digitale Lösungen grundsätzlich abgelehnt. Im Gegenteil: Die Offenheit ist groß, teils bemerkenswert. Robotik, Wearables, KI-gestützte Diagnostik – wir haben in den Gesprächen wenig Berührungsängste erlebt.

Was wir hingegen konsistent gehört haben: Technologie scheitert häufig nicht an mangelnder Akzeptanz, sondern an schlechter Einführung. Eine Einrichtungsleitung formulierte eine Formel, die wir seitdem intern als Akzeptanzformelbezeichnen: Leitungsrückhalt × Schulungsbegleitung × Systemerleichterung = Akzeptanz. Fehlt einer der drei Faktoren, scheitert die Einführung – unabhängig davon, wie gut das Produkt ist.

Besonders eindrücklich war ein konkretes Fallbeispiel, das uns geschildert wurde: Eine Voice-App zum Diktieren von Pflegedokumentation wurde von rund der Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgelehnt – nicht weil die Spracherkennung nicht funktionierte, sondern weil die App den diktierten Insulinwert nicht automatisch in die Medikamentenverwaltung überführte. Die Mitarbeitenden mussten denselben Wert also an zwei Stellen eingeben. Das Urteil der Einrichtungsleitung war klar: „Das war eine Verschlimmbess…erung.“ Ein Technologieproblem war es nicht. Ein Integrationsproblem war es.

4. TI-Frustration hat Vertrauen beschädigt – weit über die TI hinaus

Die verpflichtende Anbindung an die Telematikinfrastruktur (TI) zum 1. Juli 2025 hat in mehreren unserer Gespräche ein bemerkenswertes Muster hinterlassen: Einrichtungen, die die TI formal angebunden haben, berichten von anhaltenden Fehlermeldungen, fehlendem Support und dem Gefühl, alleingelassen worden zu sein. Eine Einrichtung kämpft seit über einem Jahr mit einem nicht lösbaren Fehlercode – Techniker war vor Ort, konnte das Problem nicht beheben, Rückmeldung vom Anbieter seither ausgeblieben.

Was uns daran besonders beschäftigt: Die Frustration über die TI wirkt weit über die TI hinaus. Eine Bundesreferentin, die wir auf Verbandsebene gesprochen haben, formulierte es so: „Die Telematikinfrastruktur hat leider ein sehr negatives Image über die Digitalisierung gelegt.“ Einrichtungen, die einmal enttäuscht wurden, sind beim nächsten Digitalisierungsversuch vorsichtiger – manchmal blockiert.

Ergebnisse im Überblick: Was die Feldphase konkret ergeben hat

Neben diesen übergreifenden Befunden haben wir für jedes der vier Segmente spezifische Ergebnisse dokumentiert, die wir hier in Kürze skizzieren.

Ambulante Pflege – Das drängendste Thema ist nicht Technologie, sondern Implementierbarkeit. Plug-and-Play ist keine Marketingformel, sondern eine echte Anforderung: Systeme müssen ohne aufwendige Konfiguration sofort einsatzbereit sein. Tourenplanung läuft in vielen Diensten noch weitgehend manuell. Die Angehörigenkommunikation ist ein chronischer Zeitfresser, für den es technische Lösungen gibt – die aber nicht genutzt werden, weil die Kosten als unverhältnismäßig eingestuft werden. Und: Kleine ambulante Dienste ohne IT-Abteilung können die Möglichkeiten digitaler Systeme strukturell nicht ausschöpfen.

Stationäre Pflege – Dokumentation dominiert den Fachkräftealltag. PeBeM verändert die Personalstruktur grundlegend, ist aber noch nicht überall vollständig umgesetzt. Das Hausgemeinschaftsmodell – kleinteilige Wohngruppen mit festen Alltagsbegleitern statt langer Stationsflucht – wird als vielversprechender Ansatz beschrieben, der neue Digitalisierungsbedarfe schafft. Große Trägerverbünde haben inzwischen eigene KI-Referate als institutionelle Innovationskanäle – eine Struktur, die kleineren Trägern fehlt und die CIP für sie übernehmen könnte.

Verbands- und Systemebene – Auf Bundesebene wird das Bild breiter: Rund 10 Prozent der Einrichtungen dokumentieren noch auf Papier, 60 Prozent sind teildigitalisiert, 30 Prozent weit digitalisiert – wobei dieser letzte Wert nach Einschätzung unserer Gesprächspartnerin eher optimistisch ist. Der Fördermechanismus nach § 8 Abs. 8 SGB XI für Digitalisierungsförderung läuft aus, neue Förderwege aus dem PNOG (Pflegeneuordnungsgesetz, Referentenentwurf Juni 2026) sind in Sicht, aber noch nicht verabschiedet.

GKV & Soziale Pflegeversicherung – Da wir keine eigenen Interviews mit Kassenvertreterinnen und -vertretern geführt haben, haben wir diesen Bereich als Recherche- und Analysedokument aufbereitet, nicht als Ergebnisdokument. Die Kernaussage: GKV und SPV sind strukturell getrennte Systeme mit getrennten Budgets und getrennten Verhandlungslogiken. Die SPV steckt in einer tiefen Finanzkrise – 667 Millionen Euro Defizit allein im ersten Quartal 2026, trotz Bundesdarlehen. Vergütungszuschläge für Digitalisierung gibt es in Pflegesatzverhandlungen faktisch nicht mehr. Gleichzeitig hat die SPV konkrete Digitalisierungspiloten gefördert (Telepflege-Modellprogramm, 12 Projekte, abgeschlossen Ende 2025). Das Paradox: Die Kassen wollen Digitalisierung, können sie aber nicht über Vergütungsverhandlungen finanzieren. Der geplante PNOG-Digitalpakt (1,6 Mrd. €) ist ein möglicher Wendepunkt – allerdings nur für ambulante und teilstationäre Einrichtungen. Vollstationäre sind ausgeschlossen.

Was das für CIP bedeutet

Unsere Feldphase hat drei Rollen für CIP als Innovationsgemeinschaft geschärft, die wir nun in unsere Transfermodelle einarbeiten.

Erstens: Technologieorientierung und Kuration. Einrichtungen wissen oft nicht, welche Lösung zu ihnen passt. Ein neutrales, nach Einrichtungsgröße, Budget und Softwareumgebung gefiltertes Orientierungsangebot würde eine echte Lücke schließen.

Zweitens: Plug-and-Play-Implementierungsbegleitung. Lösungen müssen vorkonfiguriert, vorgetestet und mit Schulungsmaterialien begleitet geliefert werden. „Wie ein Handy: kaufen, einschalten, draufladen, funktioniert“ – so hat ein Praxispartner das Wunschbild formuliert. CIP kann diese Funktion für Einrichtungen übernehmen, die keinen eigenen IT-Apparat haben.

Drittens: Förderantrag-Navigation. Der geplante PNOG-Digitalpakt wird für viele ambulante Einrichtungen unerreichbar bleiben, wenn die Antragsbürokratie sie überfordert. „Da kommt jetzt ein Antrag – wir wissen alle, wie Anträge aussehen. Das stirbt doch in dem Moment schon“ – dieses Zitat aus einem unserer Gespräche bringt die Gefahr auf den Punkt. CIP kann als Lotse fungieren.

Was CIP nicht sein sollte, haben wir dabei ebenso klar gehört: kein weiterer Verband, der redet. Keine lokale Vernetzungsplattform, die Konkurrenzdenken auslöst. Kein Pilotprojekt, das Einrichtungen mit Aufwand belastet, statt ihnen zu helfen.

Wie es weitergeht

Die qualitative Auswertung wird in den kommenden Wochen abgeschlossen. Vier strukturierte Ergebnisdokumente – ambulante Pflege, stationäre Pflege, Systemebene sowie Technologieanbieter – bilden die Grundlage für die anschließende quantitative Phase, in der wir die Befunde mit einer breiteren Stichprobe absichern.

Ein besonderes Augenmerk legen wir dabei auf die strukturellen Unterschiede zwischen ambulant und stationär – nicht nur was Bedarfe angeht, sondern auch was Kommunikationswege, Entscheidungslogiken und Förderakzess betrifft. Eine Innovationsgemeinschaft Pflege, die beide Settings ernst nimmt, muss unterschiedlich ansprechen, unterschiedlich begleiten und unterschiedlich argumentieren.


27.05.2026

ZiBeKo: Methodik & erste Erkenntnisse zur Pflegeinnovation

Lesezeit: ca. 5 Minuten

In den letzten Wochen haben wir den Grundstein für unsere wissenschaftliche Arbeit im Teilprojekt ZiBeKo gelegt: einen systematischen Desk Research, der die Pflegelandschaft, den Stand der Digitalisierung Pflege und die Bedarfe unserer Zielgruppen aufarbeitet. Als Teilprojekt der Community Innovative Pflege (CIP) im DATIpilot-Programm des BMFTR liefern wir damit die empirische und theoretische Grundlage für die anschließende Field-Phase mit Stakeholder-Interviews aus Pflegepraxis, Forschung und Unternehmen.

Dieser Beitrag gibt Einblick in unser methodisches Vorgehen — und teilt erste Erkenntnisse, die manche unserer Annahmen geschärft und andere überrascht haben.

Warum Desk Research vor Field Research?

Bevor wir mit Pflegekräften, Heimleitungen oder Krankenkassen in die Tiefe gehen, müssen wir wissen, worüber wir sprechen. Eine belastbare Bedarfserhebung in der Pflegeforschung Praxis baut auf vorhandenen Daten auf — sonst läuft man Gefahr, Fragen zu stellen, deren Antworten längst dokumentiert sind, oder bestehende Studien zu verdoppeln, statt ihre Befunde als Sprungbrett zu nutzen.

Unser Desk Research verfolgt damit drei Ziele:

  1. die Pflegelandschaft strukturell verstehen — wer ist wer, wie ist sie aufgebaut, wo liegen Spannungsfelder
  2. den aktuellen Stand der Digitalisierung Pflege erfassen — was läuft, was hakt, was fehlt
  3. unsere Interviewfragen empirisch und theoretisch schärfen — damit wir im Feld nicht ins Blaue fragen, sondern gezielt Lücken schließen

Unsere Methodik: Fünf Blöcke, eine Logik

Wir haben den Desk Research in fünf aufeinander aufbauenden Blöcken strukturiert.

Block A — Pflegelandschaft verstehen. Strukturelle Basis: Zahlen, Verteilungen, Trends. Zentrale Quellen: Pflegestatistik des Statistischen Bundesamts (Destatis), Pflegeheim Rating Report des RWI Essen, Pflegeinfrastruktur-Studie der Bertelsmann Stiftung, DAA-Follow-up-Studie 2022.

Block B — Digitalisierung in der Pflege. Status quo digitaler Anwendungen, Förderprogramme und gesetzlicher Rahmenbedingungen. Im Fokus: DAA-Studien 2017 und 2022, Positionspapiere des Verbändebündnisses Digitalisierung in der Pflege, digitale Pflegeanwendungen nach § 40a SGB XI, die TI-Anbindungspflicht seit 1. Juli 2025 sowie das BMFTR-Programm „Pflegeinnovationen 2030″.

Block C — Was Zielgruppen bewegt. Für jedes unserer sieben Zielgruppensegmente — von Heimleitungen über ambulante Pflegedienstleitungen bis zu Softwareanbietern und Krankenkassen — haben wir segmentspezifische Studien, Branchenreports und Bedarfsbefragungen ausgewertet.

Block D — Was es schon gibt. Welche Innovationen, Initiativen und Förderprojekte existieren bereits? Was leisten internationale Best Practices wie Buurtzorg in den Niederlanden oder die digitalisierte Pflege in Skandinavien? Wo ergänzen wir andere DATIpilot-Communities und das Cluster Zukunft der Pflege?

Block E — Theoretische Fundierung. Als wissenschaftliches Teilprojekt verankern wir unsere Bedarfserhebung theoretisch. Dafür greifen wir auf drei Klassiker zurück, die genau das beschreiben, was eine Innovationsgemeinschaft Pflege wie CIP gerade lebt: Davis‘ Technology Acceptance Model (1989) für die Pflegetechnologie-Akzeptanz, Rogers‘ Diffusion of Innovations (2003) für die Verbreitung neuer Lösungen in Organisationen, und Wengers Konzept der Community of Practice für das gemeinsame Lernen in Praxisgemeinschaften.

Erste Erkenntnisse: Was wir gefunden haben

Wir hatten erwartet, dass die Pflegelandschaft unter Druck steht. Wir hatten nicht erwartet, wie systematisch und einhellig diese Diagnose ist.

Der Druck ist real und messbar. Drei Viertel der Pflegekräfte arbeiten regelmäßig unter starkem Zeitdruck, 71 Prozent rechnen nicht damit, bis zur Rente arbeitsfähig zu bleiben — gegenüber 42 Prozent in der Gesamtbevölkerung (DAA Follow-up 2022). Bis 2040 fehlen laut Prognose 157.000 Pflegekräfte. Die Bertelsmann-Studie zeigt zudem: Kein einziger deutscher Kreis bleibt voraussichtlich von Personalengpässen verschont, wobei Ostdeutschland doppelt betroffen ist — sinkendes Arbeitskräftepotenzial trifft auf stark steigende Nachfrage.

Digitalisierung schreitet — aber zerklüftet. Über 80 Prozent der Einrichtungen geben an, Digitalisierung sei bei ihnen nur teilweise, kaum oder gar nicht umgesetzt. Gleichzeitig ist die Bereitschaft da: 47 Prozent der Pflegenden wünschen sich Spracherkennung für die Dokumentation, 42 Prozent mobile Endgeräte. Die meistgewünschten Technologien sind also genau jene, die am wenigsten verbreitet sind. Deutschland liegt im internationalen Digitalisierungsvergleich auf Platz 16 von 17.

Die Wahrnehmung der Politik ist deutlich. 95 Prozent der befragten Pflegenden sind der Meinung, dass die Politik die Probleme der Pflege nicht verstanden hat — eine Zahl, die uns inhaltlich bestätigt: Eine Innovationsgemeinschaft Pflege wie CIP setzt nicht oben an, sondern bei denen, die Pflege täglich gestalten.

Der ambulante Markt ist groß und unter Druck. Ende 2024 versorgten 17.769 ambulante Pflegedienste rund 2,2 Millionen Patient:innen — die Zahl der Dienste stieg 2024 um 2,2 Prozent. Auffällig: Träger verlagern Investitionen von Personal zu Digitalisierung, weil Personal nicht skaliert. Gleichzeitig fehlen für viele digitale Innovationen passende Finanzierungsregelungen.

CIP steht nicht allein, aber an einer eigenen Stelle. Wir sind eines von 20 ausgewählten Konsortien aus 480 Bewerbungen im DATIpilot-Programm, mit bis zu 5 Millionen Euro Förderung für 2025–2029. Daneben existieren das Cluster Zukunft der Pflege (BMBF, 2017–2029, Phase 2), das Telepflege-Modellprogramm nach § 125a SGB XI und internationale Vorbilder. Während das Cluster technologiezentriert und wissenschaftlich arbeitet, ist CIP community-orientiert und praxisgetrieben — beide ergänzen sich, statt zu konkurrieren.

Was uns das für die Field-Phase mitgibt

Aus diesen Befunden ziehen wir drei methodische Konsequenzen.

Erstens haben wir unser Sampling geschärft. Die regionalen Unterschiede zwischen Ost und West, Stadt und Land sind nicht kosmetisch — sie spiegeln strukturell verschiedene Ausgangslagen wider, wie die Bertelsmann-Daten zeigen. Unsere Interviewpartner:innen wählen wir entlang von vier Achsen (Region, Setting, Größe, Trägerschaft), damit ambulante und stationäre Pflege digital aus mehreren Perspektiven erfasst werden.

Zweitens haben wir unseren Interviewleitfaden überarbeitet. Neue Probes zu TI-Anbindung, DiPA nach § 40a SGB XI und Spracherkennung schließen Lücken, die uns vorher nicht so klar waren. Akzeptanzfragen folgen jetzt explizit der Logik des Technology Acceptance Model — mit Items zu wahrgenommener Nützlichkeit und einfacher Bedienbarkeit.

Drittens — und das ist vielleicht das wichtigste — gehen wir mit einer geschärften Hypothese ins Feld:Pflegetechnologie-Akzeptanz ist häufig weniger ein Technologie- als ein Prozessproblem. Der Desk Research zeigt: Es gibt Tools, es gibt Förderung, es gibt Bedarf. Was häufig fehlt, ist die strukturierte Einführungs- und Begleitarbeit — der „Implementation Gap“, den Rogers‘ Diffusionstheorie genau beschreibt.

Wie es weitergeht

In den nächsten Wochen führen wir die Interviewreihe systematisch fort, die wir mit unserem ersten Gespräch in Heidelberg gestartet haben. Schwerpunkt: ambulante Pflegedienstleitungen, operative Pflegekräfte, Softwareanbieter und Krankenkassen. Im Anschluss folgt die quantitative Phase, in der wir die qualitativen Befunde breit absichern.

Pflegeinnovation Deutschland gelingt aus unserer Sicht nur, wenn sie nah an der Praxis entsteht — und wenn die Stimmen, die selten gehört werden, einen Platz am Tisch bekommen. Wer eigene Erfahrungen einbringen oder uns auf relevante Quellen aufmerksam machen möchte, ist herzlich eingeladen. Mehr zum Projekt findet ihr auf unserer Projektseite.

Habt ihr Studien, Praxiseinblicke oder Kontakte, die wir kennen sollten? Schreibt uns gerne — wir freuen uns über jede Perspektive, die wir bisher noch nicht im Blick haben.


28.04.2026

Community Innovative Pflege im Aufbruch – Update April 2026

Lesezeit: ca. 3 Minuten

Mitte April 2026 hat die digitale Mitgliederversammlung der Community Innovative Pflege (CIP) ein klares Signal gesetzt: Die Gemeinschaft wächst, die Strukturen tragen – und das Tempo zieht an.

Neuer Vorstand, bewährte Mission

Am 16. April 2026 wurde der Vorstand des Team Innovative Pflege e.V. (TIP e.V.) neu bestätigt. Als 1. Vorsitzender übernimmt Ansgar Funcke (Vorstand Caritasverband Düsseldorf) die Führung. Dr. Christoph Günther (Co-Founder Awesome Technologies) wurde als 2. Vorsitzender bestätigt, Stefan Wesarg (Fraunhofer IGD) komplettiert den Vorstand. Prof. Dr. Oskar von Stryk (TU Darmstadt) wurde wiedergewählt und bleibt Sprecher des CIP-Managementteams.

Ein herzlicher Dank gilt den ausscheidenden Vorstandsmitgliedern Michael Weber und Florian Kirchbuchner, die den Verein durch die Gründungs- und Aufbauphase geführt haben.

Vier Projekte in der Umsetzung – darunter ZiBeKo

Aus dem ersten CIP-Förderaufruf gehen jetzt vier Communityprojekte in die aktive Umsetzungsphase:

  • DaKILP – Datengrundlage für KI-Lösungen in der Pflege, mit KI-Hackathon
  • DiPFA – KI-gestützte Pflegefach-Assistenz im ländlichen Raum Vorpommerns
  • ZiBeKo – Bedarfserhebung und Kommunikationskonzepte für die Innovationsgemeinschaft
  • PflegeKIonTour – KI-gestütztes Wundmanagement über TI-Messenger und Interoperabilitätsstandards

ZiBeKo ist dabei das Fundament: Wir erheben systematisch, was Pflegeakteure wirklich brauchen – und wie sie am besten erreicht werden können. Der Desk Research ist abgeschlossen, die ersten Interviews laufen.

2. Förderaufruf ist gestartet

Direkt im Anschluss an die Mitgliederversammlung wurde der zweite CIP-Förderaufruf beschlossen und gestartet. Gesucht werden Konsortien, die digitale Assistenzsysteme in die Pflegepraxis bringen – in drei Formaten: Community-Sprint, Praxis-Sprint und F&E-Projekt. Gefördert werden bis zu 300.000 € je Projekt.

Wer in Pflege, Forschung, bei Kostenträgern oder als Technologieanbieter aktiv ist: Jetzt ist der richtige Moment zum Einsteigen.

CIP auf den großen Branchenveranstaltungen

Die Community war in dieser Woche auch persönlich präsent – auf zwei der zentralen Branchentreffen der Pflegebranche:

  • DMEA, 21. April 2026 – Halle 2.2, Stand A107 (Bayern innovativ / C&S)
  • Altenpflege-Messe, 22. April 2026 – Halle 6, Stand A118 (diagtus.care)

Ausblick: TIP-Symposium 2026/2027

In Vorbereitung ist das erste TIP-Symposium – geplant für Q4 2026 oder Q1 2027. Zwei Tage, bundesweit, mit den Themen, die die Pflege jetzt bewegen. Interessierte Speaker:innen und Teilnehmende können sich bereits jetzt melden.

Mehr Infos zur CIP, zum Förderaufruf und zu den Facharbeitsgruppen findest du auf der TIP-Website und auf LinkedIn.


17.04.2026

CIP Mitgliederversammlung April 2026: Rückblick und zweite Runde im Blick

Lesezeit: ca. 4 Minuten

Am 16. April 2026 kam die Community Innovative Pflege (CIP) zu ihrer digitalen Mitgliederversammlung zusammen. Gemeinsam mit rund 30 Teilnehmenden aus Pflegepraxis, Forschung und Unternehmen haben wir vom ZiBeKo-Team auf 2025 zurückgeblickt, den Stand der ersten Förderrunde diskutiert und die Themen für die zweite Runde geschärft.

Ein intensiver Vormittag – hier sind unsere wichtigsten Eindrücke.

Rückblick 2025 und Q1 2026: Ein starkes Fundament für die Pflegeinnovation Deutschland

Das vergangene Jahr war von spürbarem Wachstum geprägt. Die Community hat sich sichtbar vernetzt – mit Politik, Verbänden, Vereinen sowie mit anderen DATIpilot-Communities. Auch das Team Innovative Pflege e.V. ist um neue Mitglieder gewachsen.

Zu den Meilensteinen in puncto Digitalisierung Pflege zählen:

  • Start und Überarbeitung der Website innovativepflege.de
  • Aufbau der LinkedIn-Präsenz
  • Kick-Off der Facharbeitsgruppen (FAGs) zur gezielten Vernetzung
  • Start von insgesamt 5 Community-Projekten

Auf Veranstaltungsebene war das Team präsent beim DATIpilot-Communitytreffen in Leipzig (Oktober 2025), der ProCare in Hannover (Februar 2026), beim Beitritt der Caritasverbände Bistum Mainz und beim Hackathon DaKILP(Februar 2026). Ein Strategieworkshop im Februar hat die Weichen für die weitere Entwicklung gestellt – und heute wurde die Vorbereitung der zweiten Projektausschreibungsrunde abgeschlossen.

Ergebnisse der ersten Förderrunde: 4 Projekte + Starterprojekt

Der Auswahlprozess war strukturiert und transparent: Von 17 Einreichungen wurden 10 aufgrund zu geringer Passung nicht befürwortet, 7 zur Abstimmung zugelassen, 4 erhielten eine Förderempfehlung – und alle 4 wurden bewilligt. Hinzu kommt das Starterprojekt von CIP.

Das Starterprojekt baut einen dynamischen, pflegegerechten Online-Katalog für digitale Assistenzsysteme auf, inklusive Bewertungssystematik (CareTechSelect). Ergänzt wird es um eine Mixed-Reality-Anwendung, mit der sich das Entlastungspotenzial digitaler Assistenzsysteme für Pflegekräfte realistisch beurteilen lässt.

Die drei weiteren bewilligten Projekte im Überblick:

  • DaKILP – Datengrundlage für KI-Lösungen in der Pflege: gemeinwohlorientierte Datenbasis, prozessorientierte Anwendungsfälle und erprobte KI-Prototypen. Beteiligt sind u. a. Diakonie, Caritas, Hochschule Hof, FINSOZ und das Data Science Institute.
  • DiPA – Digitale Pflege-Assistenz: Reduktion von rund 60 Minuten täglichem Kommunikationsaufwand durch KI-gestützte Ersteinschätzung am Point of Care, DIHVA-Systeme und moderne mobile Diagnostik (digitale Otoskopie, Stethoskope, 6-Band-EKG).
  • Pflegekontour: KI-gestützte Prozessdigitalisierung im Wundmanagement für ambulante und stationäre Pflege digital – mit Hochschule Hof, Awesome Technologies, Audience.AI und C&S.

Aktueller Stand Q2/2026: Pflegeforschung und Praxis im Dialog

Im Starterprojekt laufen derzeit Fokusgruppen und Expert*innen-Interviews mit Pflegekräften aus 5 Einrichtungen in der qualitativen Auswertung. Zentrale Fragen: Belastungen durch indirekte Pflegeleistungen und die Entlastungserwartungen an digitale Assistenzsysteme.

Parallel entwickeln die Teams den Online-Katalog und die MR-Anwendung weiter. Ab September 2026 werden die Ergebnisse Pflegekräften vorgestellt – für direktes Feedback und weitere Entwicklungsschritte.

Der Ansatz ist bewusst hochpartizipativ: Pflegekräfte sind nicht nur Zielgruppe, sondern Co-Gestalter:innen. Das schafft Transparenz bei der Technologiebewertung und legt die Basis für den künftigen „Pflegereifegrad“ des Vereins – ein wichtiger Baustein für die Pflegetechnologie-Akzeptanz in der Fläche.

Zweite Förderrunde: Diese Themen stehen im Fokus

Für den zweiten Förderaufruf hat das CIP-Managementteam sieben Themenschwerpunkte priorisiert:

  1. Digitale Pflege & Reallabore
  2. Technologieintegration
  3. Pilotstudie Assistenzsysteme
  4. Pflegedatennutzung & EHDS (Europäischer Gesundheitsdatenraum)
  5. Interoperabilität & Skalierung (z. B. ePA, TIM)
  6. Klassifizierung & Reifegrad
  7. Leitfäden Prozessinnovation

Die Auswahlkriterien bleiben klar: Projekte müssen einen Beitrag zu digitalen Assistenzsystemen leisten, mindestens zwei der drei Interessengruppen aus Pflege, Forschung und Unternehmen einbeziehen, unterhalb der maximalen Fördersumme von 300.000 € liegen und bis Ende 2028 abschließbar sein. Der Technologiereifegrad liegt in der Regel bei TRL 6–7.

Unser Blick als ZiBeKo-Team

Für uns als Teilprojekt ZiBeKo (Zielgruppenspezifische Bedarfserhebung und Kommunikation) war die Versammlung Rückenwind. Sie hat gezeigt, wie sehr die Pflegeinnovation in Deutschland auf einen Dialog angewiesen ist, der Pflegekräfte ernst nimmt. Genau daran arbeiten wir – unter anderem mit unseren laufenden Interviews im stationären Pflegebereich (Start März 2026 im Raum Heidelberg) und den abgeschlossenen Desk-Research-Blöcken A–E.

Jetzt mitmachen

Seid ihr bei der DMEA am 21. April in Berlin oder auf der Altenpflegemesse in Nürnberg? Nutzt die Chance zum Austausch – CIP organisiert vor Ort Netzwerktreffen, u. a. ein Netzwerk-Dinner am DMEA-Dienstag gegen 19:30 Uhr.

Mehr zu unserer Arbeit findet ihr auf unserer ZiBeKo-Projektseite und in unserem Kick-Off-Blogbeitrag. Fragen, Ideen oder Kooperationsinteresse? Schreibt uns gerne.


 

1. April 2026

Projektstart ZiBeKo: Kick-off der Community Innovative Pflege in Köln

Das gemeinsame Kick-off ist gestartet – und der Startschuss für das Projekt ZiBeKo (Zielgruppenspezifische Bedarfserhebung und Kommunikation) ist offiziell gefallen. Als Teilprojekt der Community Innovative Pflege (CIP) arbeiten wir nun im Rahmen des DATIpilot-Programms des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) daran, eine nachhaltige Innovationsgemeinschaft für die Pflege aufzubauen.

Beim gemeinsamen Kick-off-Termin haben sich alle Teilprojekte der CIP-Community erstmals zusammengefunden. Für das ZiBeKo-Verbundprojekt bedeutet das: Praxispartner Simon & Goetz Design GmbH & Co. KG aus Frankfurt und Wissenschaftspartner IU Internationale Hochschule am Standort Köln haben die Zusammenarbeit, Zuständigkeiten und die Meilensteinplanung für die kommenden Monate abgestimmt.

Im Mittelpunkt des Community-Sprints steht die Frage, ob und wie heterogene Akteursgruppen aus der stationären und ambulanten Langzeitpflege gemeinsam an digitalen Innovationen mitwirken können – und wie sie gezielt angesprochen werden müssen, um eine funktionierende Innovationsgemeinschaft zu bilden.

Unsere nächsten Schritte bis 30. April 2026:

  • 📋 Feedback-Umfrage zur Auswahl- und Antragsphase ausfüllen (Frist: 10. April 2026)
  • ✍️ Code of Conduct unterzeichnen und einreichen – die gemeinsamen Grundsätze der Zusammenarbeit
  • 📄 Projekt-Steckbrief finalisieren und gemeinsam mit Bildmaterial, Logo und Slogan einreichen
  • 📅 Quartals-Check-in terminieren – ein 30-minütiger regelmäßiger Austausch aller Beteiligten
  • 👥 Zuständigkeiten im Team festlegen und kommunizieren

Alle Arbeitsunterlagen – darunter Kick-off-Präsentation, Code of Conduct und das offizielle Kommunikations-Kit mit DATIpilot- und BMFTR-Logos – stehen dem Projektteam über die Nextcloud bereit. Eine zentrale Vernetzungsplattform für alle CIP-Teilprojekte ist in Vorbereitung.

Weitere Informationen zur Community Innovative Pflege: www.innovativepflege.de