Digitaler Produktpass und Kreislaufwirtschaft: das BMUKN lädt ein

Digitaler Produktpass und Kreislaufwirtschaft: das BMUKN lädt ein

Wie können digitale Technologien die Kreislaufwirtschaft voranbringen – und warum reicht es nicht aus, Verbraucher einfach mehr Informationen zur Verfügung zu stellen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Side Events „Daten. Kreisläufe. Gesellschaft.“ im Bundesumweltministerium in Berlin.

Am 5. November 2026 fand im Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) in Berlin das Side Event „Daten. Kreisläufe. Gesellschaft. – Gemeinsam digitale Transformation der Kreislaufwirtschaft gestalten“ im Rahmen des Digital-Gipfels 2026 statt. Professor Richard Geibel und ein Vertreter des E-Commerce Instituts nahmen an der Veranstaltung teil. Mitorganisiert wurde das Event von Ruth Geibel.

Im Mittelpunkt standen die Potenziale digitaler Technologien für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft. Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft diskutierten darüber, wie digitale Infrastrukturen, Datenökosysteme und innovative Anwendungen dazu beitragen können, Stoffkreisläufe zu schließen und nachhaltigere Wirtschaftsmodelle zu etablieren.

Besonders interessant ist dabei eine Frage, die über die technische Umsetzung hinausgeht: Wie schaffen wir es, dass digitale Informationen tatsächlich zu einem veränderten Verhalten und damit zu mehr Nachhaltigkeit führen?

Digitaler Produktpass
Bidlquelle: eigenes Foto

Der Digitale Produktpass: Mehr Transparenz entlang des Produktlebenszyklus

Ein zentrales Instrument der digitalen Kreislaufwirtschaft ist der Digitale Produktpass (DPP). Auf Grundlage der europäischen Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR) soll er relevante Informationen über Produkte, Komponenten und Materialien digital verfügbar machen.

Über einen Datenträger, beispielsweise einen QR-Code, können unterschiedliche Akteure künftig auf produktspezifische Informationen zugreifen. Dazu gehören unter anderem Angaben zu:

  • verwendeten Materialien und deren Herkunft,
  • Reparierbarkeit und Ersatzteilen,
  • Umweltwirkungen und Ressourceneinsatz,
  • Wiederverwendung und Recyclingmöglichkeiten,
  • technischen Eigenschaften und Produktkonformität.

Der Digitale Produktpass soll damit nicht nur Verbraucher bei informierten Kaufentscheidungen unterstützen. Auch Hersteller, Händler, Reparaturbetriebe und Recyclingunternehmen können von einer verbesserten Datenverfügbarkeit profitieren.

Die Einführung erfolgt schrittweise und abhängig von den jeweiligen Produktgruppen. Für bestimmte Batterien wird der Digitale Produktpass ab dem 18. Februar 2027 verpflichtend. Weitere Produktgruppen sollen sukzessive folgen.

Für den E-Commerce eröffnet diese Entwicklung neue Möglichkeiten: Produktinformationen können transparenter dargestellt, Lieferketten besser nachvollzogen und nachhaltige Produktmerkmale stärker in digitale Kaufprozesse integriert werden.

Doch eine bessere Informationsgrundlage allein garantiert noch keine nachhaltigere Kaufentscheidung.

Die verhaltenswissenschaftliche Perspektive: Transparenz ist nicht gleich Verhaltensänderung

Aus Sicht der Verhaltenswissenschaft stellt sich eine entscheidende Frage: Reicht es aus, Menschen mehr Informationen zur Verfügung zu stellen, damit sie nachhaltiger handeln?

Die Antwort ist differenzierter. Informationen können Entscheidungen unterstützen, müssen aber nicht zwangsläufig zu einer Verhaltensänderung führen. Zwischen dem Wissen über nachhaltige Alternativen und der tatsächlichen Entscheidung für diese Alternativen liegt häufig eine erhebliche Lücke.

Das zeigt sich insbesondere in drei Bereichen:

1. Verbraucher:innen: Informationen müssen im Entscheidungsmoment relevant sein

Der Digitale Produktpass kann umfangreiche Informationen über die Eigenschaften und den Lebenszyklus eines Produkts bereitstellen. Doch wie viele Verbraucher werden im stationären Handel tatsächlich einen QR-Code scannen, bevor sie sich für ein Produkt entscheiden?

Auch im E-Commerce stellt sich die Frage, wie Produktinformationen aufbereitet und in den Kaufprozess integriert werden.

Entscheidend ist, dass relevante Nachhaltigkeitsinformationen unmittelbar dort sichtbar sind, wo Kaufentscheidungen getroffen werden. Ein zusätzlicher Informationsschritt kann eine Hürde darstellen. Werden Informationen dagegen verständlich, übersichtlich und zum richtigen Zeitpunkt präsentiert, können sie die Entscheidungsfindung erleichtern.

2. Kleine und mittlere Unternehmen: Nachhaltigkeit muss umsetzbar bleiben

Auch für Unternehmen bringt der Digitale Produktpass Herausforderungen mit sich. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen müssen sich mit neuen Anforderungen an Datenmanagement, Datenqualität und digitale Infrastruktur auseinandersetzen.

Dabei fehlt es nicht zwangsläufig an der Bereitschaft, nachhaltiger zu wirtschaften. Häufig sind es begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen, fehlende technische Kompetenzen oder komplexe Prozesse, die eine Umsetzung erschweren.

Damit der Digitale Produktpass sein Potenzial entfalten kann, braucht es deshalb praktikable und bezahlbare Lösungen. Einheitliche Standards, interoperable Systeme und niedrigschwellige technische Unterstützung sind wichtige Voraussetzungen, damit die Digitalisierung nicht zu einer zusätzlichen Belastung wird.

3. Reparatur und Recycling: Der einfachste Weg muss auch der nachhaltigste sein

Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft die Nutzung und das Ende des Produktlebenszyklus.

Informationen über Reparierbarkeit oder Recyclingmöglichkeiten sind nur dann hilfreich, wenn Verbraucher und Unternehmen diese auch unkompliziert nutzen können.

Sind Ersatzteile schwer erhältlich, Reparaturangebote nicht auffindbar oder Recyclingprozesse zu aufwendig, bleibt der nachhaltige Weg häufig die weniger attraktive Alternative.

Hier zeigt sich ein grundlegendes verhaltenswissenschaftliches Prinzip: Menschen orientieren sich bei Entscheidungen häufig an Aufwand, Zugänglichkeit und Bequemlichkeit.

Digitale Informationen müssen deshalb mit funktionierenden Angeboten und Infrastrukturen verbunden werden. Ein Produktpass allein repariert kein Produkt und schließt noch keinen Stoffkreislauf.

 

Digitale Infrastruktur als Grundlage einer zirkulären Wirtschaft

Neben dem Digitalen Produktpass wurden auf der Veranstaltung weitere Ansätze und Projekte vorgestellt, die zeigen, wie vielfältig die digitale Transformation der Kreislaufwirtschaft gestaltet werden kann.

Ein Schwerpunkt lag auf der Digitalisierungsinitiative zur Schließung von Stoffkreisläufen. In mehreren Pitch-Sessions wurden unter anderem das Circular Economy Information Ecosystem (CEIS), KI-Anwendungen für die Kreislaufwirtschaft, Catena-X und der Circular AI Hub vorgestellt.

Auch die Skalierung digitaler Lösungen, die Förderung zivilgesellschaftlicher Initiativen und die Forschung zum zirkulären Wirtschaften des Umweltbundesamtes waren Teil des Programms.

Im anschließenden Panel diskutierten Vertreter aus Verwaltung, Wirtschaft, Verbänden, Wissenschaft und Zivilgesellschaft über Perspektiven und Herausforderungen der digitalen Kreislaufwirtschaft.

Die unterschiedlichen Beiträge verdeutlichten: Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft benötigt mehr als einzelne digitale Anwendungen. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus verlässlichen Daten, interoperablen Systemen, wirtschaftlich tragfähigen Geschäftsmodellen und einer breiten Beteiligung relevanter Akteure.

Fazit: Nachhaltige Digitalisierung muss beim Menschen ansetzen

Der Digitale Produktpass ist ein wichtiger Schritt, um Transparenz und Informationsverfügbarkeit entlang des Produktlebenszyklus zu verbessern. Er kann Unternehmen neue Möglichkeiten eröffnen, nachhaltige Geschäftsmodelle unterstützen und Verbraucher bei bewussteren Kaufentscheidungen helfen.

Seine tatsächliche Wirkung hängt jedoch davon ab, wie die bereitgestellten Informationen im Alltag genutzt werden.

Aus verhaltenswissenschaftlicher Perspektive bedeutet das: Nachhaltige Entscheidungen müssen nicht nur möglich, sondern auch einfach, verständlich und attraktiv sein. Unternehmen benötigen praktikable Lösungen, Verbraucher müssen relevante Informationen ohne zusätzliche Hürden finden können und Reparatur- sowie Recyclingangebote müssen tatsächlich zugänglich sein.

Mehr Information ist nicht automatisch mehr Motivation. Die Herausforderung besteht darin, digitale Transparenz in konkrete Handlungsmöglichkeiten zu übersetzen.

Die Veranstaltung „Daten. Kreisläufe. Gesellschaft.“ hat wichtige Impulse dazu geliefert, wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft gemeinsam die digitale Transformation der Kreislaufwirtschaft gestalten können.

Ein herzlicher Dank gilt dem Organisationsteam des Bundesumweltministeriums, insbesondere Ruth Geibel für die Mitorganisation der Veranstaltung, sowie allen Referent und Beteiligten für den fachlichen Austausch und die vielfältigen Perspektiven.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert